Die Achillessehne schmerzt:
Warum die individuelle Behandlung so wichtig ist!
Interview mit dem Regensburger Physiotherapeuten Andreas Lieschke
Nachdem Andreas Lieschke mit seinem Partner Roy Obermüller bereits seit Jahren eine erfolgreiche Physiotherapie-Praxis im Regensburger Gewerbepark betreibt, war 2015 die Zeit für eine weitere Filiale gekommen. Es traf sich gut, dass im Gesundheitsforum bei den Arkaden Räume zur Verfügung standen – und es traf sich noch besser, dass mit dem Facharzt Dr. Heiko Durst und dem Orthopädieschuhmachermeister Magnus Fischer zwei weitere Spezialisten aus dem Gewerbepark den gleichen Gedanken hatten.
Warum also nicht gemeinsame Sache machen und ein spezialisiertes Orthopädie-Zentrum initiieren? Im Frühjahr 2015 eröffneten die drei Partner, jeder getrennt und doch gemeinsam, ihre Praxen bzw. Fachgeschäft – und haben innerhalb weniger Wochen eine Oberpfälzer Top-Adresse dafür geschaffen, wenn es um Beschwerden am Fuss und deren erfolgreiche Behandlung geht.
Ein besonderes Augenmerk von Andreas Lieschke und seinen Kollegen vor Ort liegt auf der Achillessehne, die immer mehr Menschen Schmerzen bereitet. Auch darüber gab der Physiotherapeut in einem Kurzinterview Auskunft.
Sehr geehrter Herr Lieschke, wenn man Beschwerden an der Achillessehne hat, helfen Dehnungsübungen…
… und man packt Eis drauf. Beides kann helfen, kann aber auch genau das Gegenteil bewirken! Wie in fast allen medizinischen Bereichen ist es generell gefährlich, ohne Rückfrage sich selbst zu therapieren – nicht nur, weil es häufig an der entsprechenden Kompetenz fehlt, sondern vor allem auch wegen der individuell verschiedenen Beschwerden, unterschiedlichste Ursachen inklusive.
Ist denn an der Achillessehne Beschwerde nicht gleich Beschwerde?
Um diese Frage zu beantworten, ist es nötig, sich die Achillessehne einmal genau anzuschauen. Sie ist spiralförmig aufgebaut und die kräftigste Sehne in unserem Körper, die sich bis zu 20 Prozent verlängern und bis zu 45 Prozent der Sprungkraft erzeugen kann. Wichtig ist das Gleitlager, das die Achillessehne besitzt; es besteht aus sechs bis acht Schichten und ist mit einem Gel als Schmiermittel gefüllt.
Probleme mit der Achillessehne, die zum Beispiel bei Sportlern regelmäßig um das 35. Lebensjahr auftreten, werden durch verschiedene Faktoren begünstigt: Überbelastung, falsche Schuhe, Kälte, harter Laufuntergrund, gestörte Beweglichkeit in den Fußgelenken, bei Kindern die Wachstumsfuge sind nur einige davon – und so verschieden wie die individuellen Erkrankungen.
Welche Erkrankungen der Sehne werden unterschieden?
Vorneweg eine Feststellung: Die landläufigen Mär von der verkürzten Achillessehne, die Schmerzen bereitet, gehört zu einer von vielen Vorurteilen und stimmt schlichtweg nicht.
Klassischerweise unterscheidet man zwischen der Entzündung der Sehne bzw. des Sehnenansatzes (Tendinitis) und der Entzündung des Gleitlagers (Peritendinitis). Ersteres tritt vor allem nach Überbelastungen auf und kann zuweilen von diffusen Schwellungen begleitet werden. Hier helfen in der Tat vorsichtige und vom Physiotherapeuten angeleitete Dehnungen, ebenfalls wichtig sind Maßnahmen zur Entzündungshemmung. Ob Eis, Salbenverbände oder Medikamente, dies sollte der Profi entscheiden.
Und Eis bei einer Entzündung im Gleitlager?
Das ist bei Peritendinitis die völlig falsche Therapie, die genau das Gegenteil bewirkt. Hier nämlich verklebt die Sehne aufgrund spindelförmiger Schwellungen mit dem Gleitlager – und führt zu Symptomen wie Schmerzen, Steifheit oder gar Knirschen. Kälte verstärkt nur die Beschwerden!
In der Akutphase können hier eine Fersenerhöhung oder eine Nachschiene helfen – Dehnungen um die Verklebungen zu lösen, sollte man frühestens ab der zweiten Tageshälfte und dann nur sehr behutsam ausführen.
Also auf keinen Fall ruckartig und extrem dehnen?
Und schon wieder sind wir beim Thema „individuelle Behandlung“, denn: Tatsächlich kann genauso eine Behandlung bei chronischen Sehnenproblemen (Tendinose) der Schlüssel zum Erfolg, sprich zur Gesundung sein. In der Wissenschaft nennt man dieses Behandlungsmethode Exzentrik-Training, dessen Begründer Dr. Hakan Alfredson ist.
Besonders spannend finde ich die Weise, wie er das Exzentrik-Training entwickelte bzw. eigentlich entdeckte. Er hatte nämlich selbst dauerhaft so starke Schmerzen, dass er die Geduld verlor und versuchte, an einer Treppenstufe seine Achillessehne ruckartig zu dehnen. Sein Ziel: Die Achillessehne sollte reißen und eine anschließende Operation eventuell Heilung bringen.
Aber die Achillessehne von Dr. Alfredson riss nicht?
Genau. Im Gegenteil spürte er bereits am nächsten Tag, dass die Schmerzen abklangen. Er machte weiter und war nach mehreren Wochen beschwerdefrei. Dr. Alfredson ging der Sache auf den Grund – und erkannte, dass die Verursacher der Schmerzen die im Verlaufe einer längeren Tendinitis neugebildeten Blutgefäße mit freien Nervenenden sind. Und die müssen zerstört bzw. ausgewrungen werden durch eben die angesprochenen, ruckartigen Bewegungen. Das tut natürlich anfangs weh, muss es auch – aber spätestens am nächsten Tag sollten die Schmerzen dann abgeklungen sein.
Ganz wichtig natürlich: Vor dem Exzentrik-Training muss die Diagnose vom Facharzt stehen. Und die Behandlung selbst sollte in jedem Fall kontinuierlich z.B. von einem Physiotherapeuten überwacht werden.
Herr Lieschke, im Physiopark bei den Arkaden punkten Sie wie bereits im Gewerbepark durch die unmittelbare Nähe zu Orthopäden und Orthopädietechnik.
Das stimmt. Wir haben es geschafft, ein offenes, jedoch im Dienste der Patienten sehr effizientes Konzept der Partnerschaft umzusetzen. Einerseits arbeiten Dr. Durst, Fischer Fussfit und wir nach wie vor sehr gut mit anderen Vertretern unserer jeweiligen Zunft zusammen, andererseits können wir durch die integrative Verzahnung aller Kompetenzen sicher stellen, dass von der Analyse über die Behandlung bis hin zur Hilfsmittelversorgung alles in einem Fluss ist. Viele Patienten wissen die kurzen Wege und die enge Abstimmung im Behandlungsprozess zu schätzen, ebenso wie wir.
Unser Ziel ist aber nicht eine isolierte Extrastellung in Sachen der Orthopädie, sondern wir sehen uns im Gegenteil als einen dynamischen, fachlich kompetenten Knotenpunkt in einem weiten Netzwerk, das dem Patienten auf Bedarf genau das bietet, was er wünscht und braucht. Von den Vorteilen des permanenten Erfahrungs- und Wissensaustausches und den auf der Hand liegenden Synergieeffekten ganz zu schweigen.